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Im Regen von Anacostia #1

Im Regen von Anacostia #1
Photo by Solomon Dredzen / Unsplash

Kapitel 1 - Der erste Tropfen
(Dieser Text ist eine Hommage an die "Washington-Noir"-Romane des US-Autors George Pelecanos, dessen Geschichten in Vierteln wie Anacostia und Shaw in Washington D.C. spielen.)


In dieser Nacht regnete es in Washington D.C., als wollte der Himmel die ganze verdammte Stadt ersäufen. Kein reinigender Schauer, nur schweres, öliges Zeug, das den Asphalt dunkel und glitschig machte und das Neon von Shaw zu einem schmierigen Rosa verschwimmen ließ. Genau so ein Regen, wie Pelecanos ihn immer beschrieben hat – einer, der nichts wegwäscht, sondern nur den ganzen Dreck darunter deutlicher zeigt.

Elias Thorne stand am Ufer des Potomac, den Kragen hochgeschlagen, die Hände tief in die Taschen seines alten Trenchcoats vergraben. Das Wasser roch nach Schlamm und Abwasser, und irgendwo darunter lag dieser metallische Geschmack, der ein Gewitter ankündigte. Hinter ihm leuchteten die Monumente weiß und makellos im Scheinwerferlicht – Kulissen, die jemand vergessen hatte abzubauen. Von hier unten sahen sie aus wie riesige Grabsteine.

Vor ihm lag die Leiche.

Ein junger Kerl, Mitte zwanzig, lag regungslos im Schlamm. Sein Anzug war mal teuer gewesen, jetzt klebte er ihm nass und schwer am Körper, die teuren Schuhe völlig versaut. Elias ging in die Hocke, ohne ihn anzufassen. Das war Sache der Forensiker, die sowieso erst bei Tageslicht kommen würden. Er wollte nur die Umgebung sehen.

Der schwache Strahl seiner Taschenlampe zitterte über den Boden – zerrissene Äste, ein paar leere Whiskyflaschen, tiefe Reifenspuren im Matsch. Nichts sah nach einem einfachen Selbstmord aus.

»Selbstmord«, murmelte Elias vor sich hin. Das klang wie eine billige Lüge.

Morgen würden die Zeitungen die übliche Geschichte bringen: Junger Praktikant, überfordert, verzweifelt in den Potomac gesprungen. Politischer Druck, dubiose Geschäfte, private Dämonen – das volle Programm. Washington liebte solche sauberen Tragödien. Niemand war schuld, niemand verantwortlich. Eine nette Überschrift, schnell gelesen, schnell vergessen.

Aber Elias kannte die Stadt zu gut. Anacostia, Shaw, die Hinterhöfe, in denen die Wahrheit nie geschminkt daherkam. Selbstmorde sahen selten so ordentlich aus. Die Arme des Toten waren leicht angewinkelt, als hätte er im letzten Moment doch noch versucht, sich irgendwo festzuhalten.

Und dann die Tasche – eine kleine schwarze Aktentasche aus gutem Leder, die unversehrt ein Stück weiter lag, auf einem trockenen Fleck. Mitten im Schlamm und Regen. Als hätte jemand sie bewusst dort abgestellt.

Das passte nicht.

Elias richtete sich auf. Der Regen prasselte auf seinen Hut. Er dachte an einen Satz, den er mal irgendwo aufgeschnappt hatte: »Wenn die Geschichtenerzähler ehrlich wären, würden alle Geschichten im Tod enden.« Hier endete nichts. Hier fing gerade etwas an.

Er zog sein Handy raus. Kein Empfang. Natürlich nicht. Die Wolken hingen so tief, als wollten sie die ganze verdammte Regierung ersticken. Er sollte die Polizei rufen. Aber in dieser Stadt war die Polizei meistens Teil des Problems. Zu viele Gefälligkeiten. Zu viele Abhängigkeiten. Zu viele geschlossene Augen.

Stattdessen ging er zur Tasche, zog die Handschuhe über und klappte sie auf. Das nasse Leder knarrte leise.

Drinnen war nichts Persönliches. Keine Fotos, keine Briefe, nichts, was verriet, wer der Kerl eigentlich gewesen war. Nur ein USB-Stick und ein durchweichtes Notizbuch.

Das Papier war aufgeweicht, die Tinte verlaufen, aber auf der letzten Seite konnte er es noch entziffern. Hastige, krakelige Zeilen, als hätte der Junge sie in Panik hingeschmiert. Ein Name. Ein Datum. Und dann der eine Satz, der Elias trotz des warmen Regens einen kalten Schauer über den Rücken jagte:

»Sie wissen, dass ich weiß.«

Elias steckte beides ein. Die Kälte des USB-Sticks drang sofort durch den nassen Stoff seiner Jacke. Er warf einen letzten Blick auf den Toten – das junge Gesicht jetzt leer und ausdruckslos im Schlamm – und drehte sich um.

Der Regen füllte bereits seine Fußabdrücke. Als wollte die Stadt selbst alles zudecken. Zu spät.

Sie hatte schon gesprochen.

Und sie hatte nicht von Selbstmord erzählt.

Elias ging zurück in die Dunkelheit von Shaw, den Kragen hochgeschlagen, die Beute schwer in der Innentasche. Diese Nacht war nur der Anfang.

Der Regen würde weiterfallen. Die Stadt würde weiteratmen. Und er würde weitergraben – nicht weil er glaubte, dass die Wahrheit am Ende siegen würde. Hier siegte sie fast nie. Sondern weil das Schweigen meistens tödlicher war als jede Lüge.

Und er hatte gerade erst angefangen zuzuhören.

Fortsetzung folgt ...

(c) Thomas Gruber, 2026


Die Reise durch Anacostia und Shaw hat gerade erst begonnen. Wie hat euch der erste Teil gefallen? Wenn ihr wissen wollt, was als Nächstes passiert, lasst mir gerne ein kurzes Feedback da.